Umwelterziehung

 

 

 

Ziele und Aufgaben

Umwelterziehung ist über die überregional wirksame KMK-Empfehlung von 1981 eingebunden. Aufgabe der Umwelterziehung ist es, bei jungen Menschen Bewusstsein für Umweltfragen zu erzeugen, die Bereitschaft für den verantwortlichen Umgang mit Umwelt zu fördern und zu einem umweltbewussten Verhalten zu erziehen, das über die Schulzeit hinaus wirksam bleibt.

Forderungen an den Unterricht und das politische Handeln werden wesentlich bestimmt durch die Einschätzung der Umweltsituation, wie sie auch in dem vorliegenden Bericht dargestellt wird.


Während man lange Zeit nur die positiven Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die Lebensqualität sah, verstärkt sich inzwischen die Einsicht, dass unreflektierter Technikeinsatz in immer stärkerem Maße die natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet. Folgen der Technik müssen vor ihrem Einsatz abgeschätzt werden. Angesichts der schon manifesten Schäden (z B. Waldsterben) und der langfristig zu erwartenden bzw. sich bereits abzeichnenden Umweltzerstörung (z.B. Klimaänderungen, Ausbreitung der Wüsten) muss es ein wesentliches Ziel jeder Politik sein, das Überleben des einzelnen wie der Völker in einer menschenwürdigen Umgebung zu ermöglichen und zu sichern.

Umwelterzieherische Wertsetzungen ergeben sich daher aus der Forderung nach Erhaltung der Grundlagen für ein Leben des Menschen in Menschenwürde. Die Schule muss deshalb auch zugunsten der nachfolgenden Generationen zu einem verantwortlichen Umgang mit der Welt erziehen. Dies muss sowohl auf das Handeln des Bürgers als Individuum wie als Teil der Gesellschaft zielen. Nicht das technisch und organisatorisch Machbare soll Gradmesser für den Fortschritt sein. Technischer Fortschritt ist nicht Wert an sich, sondern muss danach beurteilt werden, ob er für den einzelnen und die Menschheit jetzt und in Zukunft lebenswerte materielle, psychische und soziale Lebens- und Umweltbedingungen schafft.

Umwelterziehung muss zukünftig ein wesentlich relevanterer Teil der Bildung werden als bisher. In ihr bietet sich die Chance zu rationaler und offener Diskussion der Zukunftsfragen.

Umwelterziehung muss also

  • Gefühle und Einstellungen fördern, die sich zur Verbundenheit mit dem Leben bekennen und die Wertschätzung unserer Lebensgrundlagen bejahen und angesichts der Gefährdung in Betroffenheit resultieren,
  • zum Ziel haben, vor dem Hintergrund eines möglichst umfassenden Verständnisses ökologischer Zusammenhänge sowie auf der Basis einer entsprechenden Werthaltung gegenüber der menschlichen und nichtmenschlichen Mitwelt ein verantwortungsvolles Verhalten bewirken,
  • zu der Einsicht führen, dass Sorge für die Umwelt die Auseinandersetzung mit Interessengegensätzen einschließt, und befähigen, die durch Verfassung und Gesetz gegebenen Rechte und Pflichten auch im Zusammenhang mit der Umweltproblematik wahrzunehmen,
  • zum konkreten Handeln anleiten, das das eigene (Über-)Leben, das der Mitmenschen und das aller Lebewesen in Gegenwart und Zukunft sichert, soweit dies in der Macht der Menschheit liegt.

Umwelterziehung darf sich nicht mit der Darstellung einzelner die Umwelt bedrohender Fakten und der resignativen Feststellung eines beklagenswerten Status quo zufriedengeben und die Lösung der Umweltproblematik vorwiegend auf technologischem Gebiet suchen. Das vorrangige Ziel der Umwelterziehung muss es vielmehr sein, die Bereitschaft zur Verhaltensänderung und zu umweltpolitischem Engagement zu entwickeln.

Umwelterziehung versteht sich somit als Erziehung zu einem reflektierten und verantwortungsvollen Verhalten gegenüber der belebten und unbelebten Umwelt. Sie rückt ethische Fragen in den Vordergrund, verdeutlicht historische Entwicklungen im Verhältnis Mensch - Natur, bezieht Erlebnishaftes und Ästhetisches ein, fördert die verschiedenen Formen der Umweltwahrnehmung, zeigt Möglichkeiten der verantwortlichen Mitgestaltung im demokratischen Gemeinwesen auf. Umwelterziehung zielt auf eine erkennbare ökologische Umorientierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens, die letztlich für jeden einzelnen gewiss mit erheblichen Opfern und einer Zurückdrängung von Partikularinteressen verbunden sein wird.

Themenbereiche

Umwelterziehung in der Schule ist Aufgabe aller Fächer und aller an der Schule Beteiligten. Da die einseitige Betrachtungsweise eines einzelnen Faches der Komplexität der Phänomene nicht gerecht werden kann, ist eine Vernetzung der verschiedenen Fächer untereinander wie auch mit außerschulischen Partnern erforderlich. Die Verankerung der Umwelterziehung in der Schule bedeutet also nicht Einführung eines neuen Fachs mit neuen Gegenständen, sondern Unterricht auf der Basis bestehender Fächer und Projekte unter den Zielsetzungen

  • Sensibilisierung für die Gefährdung der Lebensgrundlagen,
  • Entwicklung von Verantwortungsbewusstsein, das der Mensch als einzelner wie als Teil der Gesellschaft besitzen sollte,
  • Erwerb von Urteils- und Entscheidungskompetenz in Umweltfragen,
  • Handlungskompetenz.

Die nachstehend aufgeführten umweltrelevanten Themenbereiche gelten für alle […] Jahrgangsstufen. Dabei sind die unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und Anforderungen in den einzelnen […] Altersstufen zu beachten. Die Themenbereiche sind in der Regel nicht einem einzelnen Fach zuzuordnen, sondern müssen - entsprechend den vielfältigen fachlichen Aspekten, die sie enthalten - aus der Sicht verschiedener Disziplinen bearbeitet werden, wobei einzelne Fächer grundlegende Arbeit leisten.

Die nachstehend aufgeführten acht Themenkreise sind keine Unterrichtsinhalte, die nacheinander abgearbeitet werden können, sondern sie bilden den inhaltlichen Bezugsrahmen der unterrichtlichen Arbeit in allen Fächern und in allen Stufen von 5 bis 12 (13). Diese Themenbereiche sind:


1. Naturverständnis: Das Verständnis des Menschen von Natur ist (zumindest in den Industrienationen) weitgehend dadurch geprägt, dass der Drang zur Naturbeherrschung Denken und Handeln des Menschen bestimmt. Es ist daher notwendig, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Natur und Umwelt des Menschen nicht nur das materielle Dasein sichern, sondern darüber hinaus ihr Leben durch ihre Schönheit und Eigenart bereichern und dass allen Lebewesen ein Recht auf Leben um ihrer selbst willen zusteht. Dies kann nur auf der Basis einer gründlichen Artenkenntnis als Voraussetzung für die Wertschätzung der Natur gelingen.

2. Begrenztheit der Ressourcen: Die natürlichen Ressourcen stehen dem Menschen nicht unbegrenzt zur Verfügung.

3. Belastung von Boden, Wasser und Luft: Belastungen durch feste, flüssige und gasförmige Stoffe können das Gesamtökosystem der Erde beeinträchtigen.

4. Die beiden Seiten der Technik: Die immer weiter sich entwickelnde Technik hilft dem Menschen, kann aber gleichzeitig die Lebensqualität mindern oder seine Lebensgrundlagen gefährden.

5. Leben in einer Welt - Globales Denken: Gefährdung von Lebensgrundlagen, ungleiche Verteilung und ungleicher Verbrauch des Reichtums an Ressourcen seitens der Industrieländer werfen globale Fragen nach Frieden und Friedenssicherung, übergreifender Gerechtigkeit und solidarischem Handeln auf.

6. Vernetzte Systeme: Das Leben vollzieht sich in komplexen, vernetzten, dynamischen und damit schwer zu durchschauenden Systemen.

7. Ökonomie und Ökologie: Das Wirtschaftssystem der Industrienationen beruht weitgehend auf ökonomischen Prinzipien. Ökologische Aspekte müssen verstärkt überall berücksichtigt werden.

8. Verantwortung des einzelnen - Verantwortung von Gruppen: Der Mensch ist zur Übernahme von Verantwortung fähig und moralisch verpflichtet. Alle Mitglieder der Gesellschaft haben ihren spezifischen Beitrag zur Lösung der Umweltkrise auf demokratischem Wege und aus der Sicht der Gesamtverantwortung heraus zu leisten.

Pädagogische Prinzipien

Aufgabe der Umwelterziehung ist es, den Schülerinnen und Schülern bei der Entwicklung angemessener Werthaltungen Hilfen und Anleitungen zu geben. Dies geht über die Vermittlung ökologischen Grundwissens weit hinaus. Die Schülerinnen und Schüler müssen aus eigener Einsicht zu einer ethischen Einstellung gelangen, die nicht nur den Umweltschutz um menschlicher Gesundheit und legitimer Interessen und Bedürfnisse willen als notwendig erachtet, sondern die auch den Geschöpfen dieser Erde ein Recht auf Achtung und Leben um ihrer selbst willen zuspricht, in der zudem der Mensch als Verursacher gesehen wird und in der die Verantwortung für nachfolgende Generationen integriert ist.

Die Erfahrung im Schulalltag, das persönliche Verhalten der Lehrkräfte, der an der Schule herrschende Geist und das Engagement hinsichtlich des Umgangs mit Natur und Umwelt haben großen Einfluss auf Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit der Umwelterziehung.

Natürlich kann schulische Erziehung allein keine Lösungen für globale Probleme bereitstellen und die Defizite der Gesellschaft und der politisch Verantwortlichen kompensieren. Dennoch muss Schule die Chance nutzen, junge Menschen in der Phase, in der sie noch offen und für die gute Sache zu begeistern sind, zu motivieren. Es muss jedoch allen an schulischer Erziehung Beteiligten bewusst sein, dass Elternhaus, Bezugspersonen (Peergroups) und Massenmedien einen weit stärkeren Einfluss auf die Jugendlichen haben als Schule; dennoch kann Schule Zeichen setzen und Basiswissen und Basiserfahrung vermitteln.

Methodisch-didaktische Prinzipien

Schülerorientierung

Die häufig bei Kindern vorhandene starke Motivation zur Beschäftigung mit Umweltproblemen und die Bereitschaft, sich für Tiere, Pflanzen und Natur allgemein einzusetzen, bilden günstige Grundlagen für die Auseinandersetzung mit ökologischen Grundproblemen wie dem Verhältnis Mensch - Natur. Dies wird vor allem durch bewusstes Erleben gestörter und ungestörter Umwelt in der unmittelbaren Begegnung, durch ein Erfassen mit allen Sinnen, durch Beobachten und Beschreiben ermöglicht. Umwelterziehung allgemein greift konkrete Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler in ihrem Wohn-, Schul- und Arbeitsumfeld auf und integriert Alltagssituationen in den Unterricht: z.B. als Konsumenten, als Verkehrsteilnehmer, als Spielplatzbesucher und als Erholungssuchende, als Mitglieder in verschiedenen Gruppen und Vereinen, als Verursacher bzw. Leidtragende von Umweltschäden unterschiedlichster Art. Durch die Beschäftigung mit lokalen und aktuellen Umweltproblemen fällt es leichter, Sachkompetenz zu erwerben und Brücken zu räumlich wie zeitlich ferneren Umweltproblemen zu bauen sowie Einsichten in die globale Vernetzung zu fördern.

Problemorientierung

Unsere schulischen Initiativen der Umwelterziehung orientieren sich an den realen Problemen der Umwelt. Folglich richten sich Unterrichtsinhalte auch an den in der Öffentlichkeit diskutierten Fragestellungen aus. Bei der Arbeit an konkreten Problemen erkennen die Schülerinnen und Schüler die komplexe Struktur solcher Probleme. Sie erkennen vorhandene Defizite ihrer Kenntnisse und sind durchaus motiviert, sich auch mit relativ unbeliebtem Stoff zu beschäftigen, der zur Lösung des Problems erforderlich ist.

Ziel der Umwelterziehung ist es, einen Beitrag zur Lösung eines konkreten Problems zu leisten. Soll Umwelterziehung Engagement statt Resignation auslösen, bedarf es solcher Erfolgserlebnisse, um die Erfahrung zu vermitteln, selbst etwas bewirken zu können. Andererseits bieten sich gerade hier auch Möglichkeiten, das Austragen von Konflikten und das Ertragen von Misserfolgen zu üben.

Handlungsorientierung

Umwelterziehung soll Verantwortungsbewusstsein, vor allem aber auch die Bereitschaft zu bewusstem Handeln fördern. Bewusstes Handeln als Unterrichtsergebnis wie als Unterrichtsmethode setzt Handlungskompetenz voraus. Grundlagen von Handlungskompetenz im Umweltbereich werden durch Aneignung von notwendigem Wissen, Erkennen und Bewerten von Strukturen und Zusammenhängen und durch eigenes Handeln oder durch Vergleich von Lösungswegen gelegt.

Handlungsorientierte, ganzheitliche und Selbständigkeit fördernde Verfahren wie themenzentrierter, projektorientierter Unterricht, Freiarbeit, Wochenplanarbeit und andere Verfahren entsprechen den Intentionen.

Umweltschonende Verhaltensweisen im Umgang mit Fauna und Flora werden auch auf Wandertagen, bei Schulfahrten und Sportveranstaltungen eingeübt. Ziele für Klassenfahrten sollten unter ökologischen Gesichtspunkten ausgewählt und mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln angesteuert werden.

Ganzheitliches Lernen in der Umwelterziehung bezieht sich aber nicht nur auf den inhaltlichen Aspekt des interdisziplinären Lernens, sondern bedeutet auch vernetztes Denken. Desweiteren bedeutet Ganzheitlichkeit aber auch eine Form des Lernens, in der sich der kognitiv-rationale Aspekt mit dem affektiv-emotionalen verbindet und zu konkretem Handeln führt.

Interdisziplinäres Lernen kostet Zeit und setzt einen pädagogischen Freiraum voraus, der in den neuen Kernlehrplänen G8 (hier insbesondere: Naturwissenschaften) in Nordrhein-Westfalen leider kaum noch vorhanden ist und der es den Lehrerinnen und Lehrern daher nur in Ansätzen gestattet, entsprechende Akzente zu setzen.

 

 

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