Erdkunde am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wiehl

Erdkunde am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wiehl

Die Vorstellungen darüber, was das Fach Erdkunde eigentlich beinhaltet, gehen weit auseinander. Weit verbreitet ist als „Mythos Nummer eins“ die Anschauung, dass die Kinder dort lernen sollen, was z. B. die Hauptstadt von Moldawien ist (und wo Moldawien überhaupt liegt).

Etwas weiter geht „Mythos Nummer zwei“, dass Geographie sich nicht bloß mit den Orten beschäftige, sondern mit der Vermessung der Erde und ihrer Naturphänomene, wie der Name Geographie schließlich nahe legt.

Aus beiden zusammen resultiert „Mythos Nummer drei“, dass Karte, Atlas und Globus mit den Informationen zur die Natur unseres Planeten die wichtigsten Medien der Geographie darstellten.

Die Realität ist jedoch weitaus komplexer, als alle Mythen glauben machen wollen:

Zu Mythos Nummer Eins: Geographie = Topographie

Diese Anschauung ist zugleich richtig und falsch: Richtig ist, dass eine gewisse „topographische Grundkenntnis“ vermittelt werden muss. Falsch ist aber, dass dies eine der Hauptaufgaben des Faches darstellt. Vereinfacht kann man sagen: Topographie allein ist keine Geographie, aber ohne Topographie ist Geographie auch undenkbar.

In der konkreten Umsetzung heißt dass, das die Themen (wie z. B. „Wandel von Industriestandorten“) alle an einem Raumbeispiel bearbeitet werden und dabei der Raum natürlich auch lokalisiert und eingegrenzt wird. Es werden also exemplarisch Räume betrachtet und verortet, es ist aber nicht möglich eine vollständige Kenntnis aller Räume unseres Globus zu vermitteln.

Viel wichtiger ist es stattdessen, durch den Regelmäßigen Umgang mit geographischen Materialien, eine umfassende und sichere Methodenkenntnis zu vermitteln. Vereinfacht und etwas provokativ könnte man sagen: Wichtig ist nicht zu wissen, wo ein Ort liegt, sondern wichtig ist zu wissen, wo und wie ich es herausfinde und anschließend korrekt beschreibe.

Das beschränkt sich aber nicht nur auf Karten (dem „Medium der Geographie schlechthin“) sondern auch auf eine Fülle von anderen geographischer Materialien und Medien, womit „Mythos Nummer zwei“ entkräftet werden soll:

Mythos Nummer Zwei: Im Geographieunterricht werden meistens Karte, Atlas und Globus verwendet

Sicherlich nehmen diese Medien eine besondere Position ein, weil kein anderes Fach einen vergleichbar intensiven topographischen Bezug herstellt. Weitaus umfangreicher und anspruchsvoller ist jedoch in der Geographie der Umgang mit statistischem Datenmaterial. Dieser versteckt sich entweder schon in thematischen Karten (z. B. prozentuale Anteile versch. Wirtschaftssektoren) oder manifestiert sich in Tabellen und Diagrammen.

Da sich unsere Welt und deren Nutzung durch den Menschen in immer atemberaubenderer Geschwindigkeit verändert, stellt es eine besondere Herausforderung dar, diese Daten aktuell und mit Wirklichkeitsbezug darzustellen. Dies ist mittlerweile nur noch mit modernen Methoden der Informationsbeschaffung (Internet) und deren Darstellung am PC, Projektion über Beamer etc. möglich. Daher sind wir als Fachschaft sehr glücklich, dass uns über den Förderverein ein eigener Beamer zur Verfügung gestellt wurde und durch das persönliche Engagement von Herrn Theile-Ochel acht PCs (gespendet weil ausrangiert von einem größeren privaten Kölner Fernsehsender) im Fachraum aufgebaut sind. Google, Wikipedia und natürlich Google Earth sind somit zu den alltäglichen Begleitern unseres Unterrichts geworden. Der eingeführte Diercke-Atlas verfügt zuden über einen Onlineschlüssel, über den wir alle Karten digital abrufen und im Kursraum via Beamer dynamisch präsentieren können (Diercke Globus online).

Anspruchsvolle Fachmethodik der Geographie heißt also, dass der Schüler jedwede Art von Informationen auswerten kann, die Aufschluss über den Raum und dessen Nutzung durch den Menschen gibt. Dies leitet über zu

Mythos Nummer Drei: Geographie beschäftigt sich mit der Natur unseres Planeten

Das ist (für sich betrachtet) auch wieder „nicht falsch“. Weil aber ein wichtiger Teil verschwiegen wird, muss korrigierend hinzugefügt werden: Geographie befasst sich einerseits mit den Grundlagen, die der Raum dem Menschen zum Leben bietet („physische Geographie“), dann aber auch mit der sog. „Athropogeographie“, wie nämlich der Mensch den Raum nutzt und ihn dadurch verändert (s. Abb.).

Klima, Geologie und Geomorphologie stellen also wichtige Grundlagen des Geographieunterrichts dar, ohne aber zu betrachten, welche Voraus­setzung dies die für die Nutzung durch den Menschen darstellt, ist Geographie nicht umfassend betrieben worden.

Doch der Kreislauf geht weiter: Die Raumwirksamkeit des menschlichen Handelns verändert die Grundlagen der Lebensbedingung, sodass ein „anthropogen überprägter Raum“ betrachtet werden muss, der wiederum die Grundlage für weiteres menschliches Handeln darstellt. Mal erfolgt die Veränderung zum Positiven (z. B. wenn ein Raum für landwirtschaftliche Tätigkeit „urbar“ gemacht wird), häufig aber auch zum Negativen, sodass sich ein umfassendes Themenfeld des Geographieunterrichts eröffnet: Die Frage der Nachhaltigkeit menschlichen Handelns, in dem Querbezüge zu anderen Gesellschafts- und Naturwissenschaften unerlässlich werden (s. Abb.):

Der „Blick über den Tellerrand“ stellt eine Herausforderung hinsichtlich des inhaltlichen Anspruchs des Fachs dar, die häufig unterschätzt wird. Böse Zungen behaupten, der Geograph könne alles ein bisschen – aber nichts „richtig“ (ein sehr unterhaltsamer Artikel hierzu erschien einst in der Zeit: "Geheimnisvoller Geograph"). Vielleicht wird das Fach auch deshalb oft unterschätzt, weil der Name „Erdkunde“ seinem Anspruch bei Weitem nicht gerecht wird. Manchmal hat man eher den Eindruck, man unterrichte „Wirtschaftswissenschaften unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte“; dass man irgendwann einmal gelernt hat, welche geotekonischen Prozesse das Bergische Land geprägt haben, gerät leicht in Vergessenheit.

Die Lehrerinnen und Lehrer der Fachschaft Erdkunde des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Wiehl fühlen sich dem hohen Anspruch ihres Fachs und vor allem dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet und hoffen dazu beitragen zu können, dass unsere Schülerinnen und Schüler mit den Methodenkenntnissen für die Zukunft ausgestattet werden, die es ihnen ermöglichen – mit aufgeschlossenem aber zugleich kritisch hinterfragendem Bewusstsein – sich den Herausforderungen der schnelllebigen, globalisierten Welt zu stellen. Dadurch sollen Sie lernen, „nachhaltig zu leben“, also ihr Leben so zu gestalten, dass allen folgenden Generationen ein ähnliches Leben auch noch möglich sein wird.

(c) Köln, den 23.10.2006, Olaf Babuszak